Anhöhe

Man kennt hier das “Jerusalem Syndrom”. Menschen, die es erwischt, verlieren sich derart in den Bildern, Klängen und Gerüchen dieser Stadt, dass sie entrückt, verzückt den Verstand verlieren.

Auf einer Anhöhe am Anfang unseres Rundgangs, von der man alle hiesigen Religionen überblickt, flackerten aus zwei Richtungen die Gesänge von Muezzins. Ganz in der Nähe hörte man die Klänge einer Gitarre. Alles vermischte sich zu einer eigenartig anrührenden klanglichen Zwischenwelt, welche Ohr und Auge aufeinander ausrichtete. Die Musik schien aus dem Inneren hinaus statt in die Ohren hinein zu fliessen.

Licht und Stein

Über allem grelles Sonnenlicht, das den allgegenwärtigen Sandstein abglänzt. Selbst in die düsteren Gassen dringt es vor, mystisches Zwielicht willkürlich verbreitend.

Der Stein ist das alles vereinende Element.

All die Besucher scheinen mit ihren Millionen Füssen den Boden derart verdichtet zu haben, dass man das Gefühl hat, Jerusalem sei ein einziger Monolith. Allerdings erinnert mich das weniger an den Stein, auf den das biblische Haus gebaut ist, sondern vielmehr an den Stein des Daseins, der den Gläubigen Sehnsüchte erweckt, die sie von der Härte abheben lassen. Zumindest sprechen die rutschig glatt gescheuerten Fusswege dafür.

Die Klagemauer

Mein neuer Chef trägt auf unserer ganzen Reise eine Pistole mit sich. Er ist Resevist in einer israelischen Spezialeinheit. Ebenfalls mit dabei ein Sicherheitsbeamter mit dem leeren, angespannten Blick des Soldaten, der den Krieg gelebt hat. Er spricht nur russisch und hebräisch.

Bei der Mauer angelangt steht ein wunderschöner kleiner Brunnen mit mehreren Hahnen. An Kettchen gehängt finden sich kleine Messingkrüge. Dort wäscht und erfrischt man sich. Das Wasser kommt von Betlehem. Die üblichen Orthodoxen mit ihrer wilden Gestik, ihrem Geklatsche und Gewippe berühen mich weniger als die ganz normal daher kommenden Modernen. Die sehen sich nicht im Recht, sie drücken einfach ihre Hände an die Mauer, senken den Kopf und klagen still.

Mein neuer Chef sagte mir, er gehe häufig nach Jerusalem. Vor allem wegen der Klagemauer.

Essen

Auf dem Weg hinunter zur Klagemauer finde ich ein Mauerstück, das jemand als Tisch benutzt haben könnte. Darüber verteilt sind dutzende von gleichmässig geschnittenen Brotscheiben.

Essen ist allgegenwärtig, und noch mehr dessen Geruch:

Gebratenes Huhn,
Muskat,
Zimt,
Kardamon,
Zitrusfrüchte
Kaffee,
aber auch allerlei Verbranntes.

Via Dolorosa, Golgata

Man kommt nicht zur Ruhe auf dem Weg, auf dem sich die Passion abgespielt haben soll. Schon bevor wir den Weg antreten, müssen wir warten, bis ein Umzug von grimmigen muslimischen Pfadfindern, die mit Trommellärm den Geburtstag Mohammeds begehen, vorbeigezogen sind. Viele tragen Irokesenhaarschnitt und schwarze Hemden, brüllen “Al Aksa!” Die Bourbonenlilien und die fröhlichen Tanzbewegungen weichen das Ganze ein wenig auf.

Bei der Station, an der Simon Jesus das Kreuz abgenommen haben soll ist ein Loch in der Fassade. Der Legende nach soll er sich dort mit dem Ellbogen an die Wand gestützt haben. Etwa zwanzig Russinen mittleren Alters stehen Schlange, um die Delle in der Wand zu berühren. Ein Orthopäde sagte mir, der Ellenbogen sei das zweitkomplizierteste Gelenk im menschlichen Skelett. Gekniet wird ja überall bei uns Katholiken. So gefällt mir dieser Ellenbogen. Aber ich konnte nicht mal eine Photo machen.

Auf dem Golgata angekommen begrüsst uns eine weiblich anmutende Stimme, die über die Lautsprecher Allah’s Lob besingt. Wunderschön! Die Grabeskirche selber ist das totalste spirituelle und architektonische Chaos, das ich je erlebt habe.

Leute knien, liegen, kriechen, beugen, singen; Kerzen, Kreuze, Weihrauch überall; Bögen, Treppen, Kryptae, Nischen. Unser Kulturführer meinte, der tiefste Punkt in der Pietà sei nicht die Kreuzigung sondern der Moment, in dem Jesu die Kleider weggenommen werden. Die absolute Nacktheit. Wie hier. Man sehnt sich hier nach Unverortbarkeit. Mir jedenfalls gefällt diese schleichende Unsicherheit, das sich alles auch ganz anders abgespielt haben könnte.

König Davids Zitadelle

Dem Jerusalem Syndrom bin ich diesmal knapp entwichen. Glaub.

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