Und so geschah’s:  betrat nun die zerbrochen‘ Welt

Olé!
Wendig‘ Frau und Hof des nahen Schweigens

Mein Herz so nah versagend Herz?
Von strahlend Gott gefangne Vagabunden

Panis Angelicus.
Was will sich unsereins den Blumen widersetzen?
Bewegt vom Biest,
das sich am Feuertore windet

Erhaben‘ Gleichmut
Aperis tu manum
tuam et imples

 

 

 

Besorgte Blicke und Bedenken stehen am Anfang dieser Reise. Onkel Donald von Amerika hat doch soeben mal wieder den Hass auf sich und Israel gezogen.

 

Allah!

Angeblich sind die Ausrufe “Allah!” und “Olé!” verwandt.

 

Wir verbringen den Abend auf dem Dach eines Hochhauses in Tel Aviv. In der Mitte eines Glaspalastes auf einem stattlichen Erdhaufen steht ein Olivenbaum. Tische und Stühle sind darum herum drapiert. Blick auf Tel Avivs Skyline! Ein Arbeitskollege zeigt auf ein Gebäude, dessen Fassadenbeleuchtung abwechslungsweise mit tausend Lämpchen die israelische und die amerikanische Flagge darstellt. Dort haust die Stadtregierung.

 

Olé!

 

Chuzba

Unweit von unserem Hotel befindet sich eine Militärakademie. Ob Mann oder Frau: In Israel gibt es keine hässlichen Soldaten. Hier sieht man sie mit privaten Rucksäcken aller Farben. Sie bilden lockere Patrouillen. Pro Patrouille ist jeweils nur ein Soldat mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Es kommt durchaus vor, dass die einen oder anderen Händchen halten und mehr flanieren als marschieren. Doch ungeachtet dieser Kuriositäten erkennt man diesen soldatischen Ernst, eine Mischung aus Gleichmut und Wachsamkeit in den jungen, anmutigen Gesichtern. Man nennt das hier “Military Mode”. Hier und überall, wo Gefahr Gemüter prägt.

 

Siedlungslos

Am Eingang einer Bank hat sich eine Obdachlose ein Nachtlager eingrichtet. Man sieht nur fünf Dinge: Eine Matraze,  ein mit hässlichen Herzen bedrucktes Betttuch, Schuhe und ein paar knallblaue Socken. Alles säuberlich hingestellt. Die Frau selber sieht man nicht. Man erkennt nur ihre Umrisse. Die Gestalt unter der Decke lässt einen zierlichen Körper erahnen. Unweit von dieser Szene feiert eine Gruppe schwarzer Amerikaner aus Atlanta, Georgia bei grossartigem Hip Hop den Abschluss ihrer Israelreise.

 

Sonne

Ein paar Stunden später fahren wir in die Wüste. Im Bus läuft hässliche Musik aus der Konseve. Man sieht zuerst der Toscana ähnliche Landschdaften: Ockern, schwarz und silbergrün. Viel geschwungene Symmetrie. Die Zypressen haben hier freiere Formen, wirken wie spitzig wulstige Skulpturen. Unser Chef, wie letztes Jahr, mit Pistole bewaffnet erzählt von den Beduinen. Grosse Krieger seien sie, die besten Führer durch die Wüste. Der Staat Israel sei ihrem wachsenden Anliegen, sesshaft zu werden entgegengekommen und habe ihnen Mittel zum Siedlungsbau bereitgestellt.

 

Jetzt hätten sie eigene Dörfer mit Solarzellen und all dem anderen Komfort. Die Siedlungen, denen wir vorbeifahren sehen eher aus wie Slums ohne Grosstadt in der Nähe. Zwei Minarette, zwei weisse Esel und ein paar verschmutzte Menschlein sieht man vom Bus aus.

 

Brot und Sand

Das Fahrzeug bewegt sich weg von der Strasse mitten in die Sanddünen. Bei einer dieser Dünen halten wir, backen Fladenbrot und machen Blödsinn mit Snowboards, mit denen wir wie Schlittelkinder den Hang runter trolen. Die kindliche Unschuld bei diesem Vergnügen suche ich vergebens. Ich suche stattdessen nach Dingen, die die Gegend hergibt. Die Ernte lässt sich sehen! Ein Granatsplitter, das Gewinde eines Geschosses und sogar eine gut erhaltene leere Kiste für Maschinengewehrmunition.

 

Neben luftigen Fliegen, die von selber auf sich aufmerksam machen, finde ich auch eine Ameisenhöle. Die Tierchen, die im Sonnenlicht blau aufblitzen, formen Sand in runde Bällchen, mit welchen sie vor der Höhle einen ansehnlichen Wall aufrichten. Und das Fladenbrot, wie einst in der Bibel am offenen Feuer gebacken schmeckt ganz vorzüglich. Brot bleibt eben Brot.

 

Heilung

Die Farm, die wir danach besuchen wirkt zielbewusst. Ihr Betreiber trägt einen Khaki Hut mit weiter Krempe und Hosen gleicher Farbe mit Beintaschen und ein monastisches Lächeln auf dem Gesicht. Man sieht ihm an: Seine Sache ist ihm ernst. Er führt uns durch seine Heilkräuterplantage. Olivenblätter, Rosmarin, Lavendel, Wüstenoregano, der nur bei ihm wächst. Alles gegen Krebs, Verzweiflung und ziviles Unbehagen aller Art. Vom Goût des Tees zu schätzen, können diese Kräuter wirklich was. Hier draussen, mitten in der Wüste, wo vor 10 Jahren nur Sand lag und dann und wann verwehte Dinge.

 

La bête noire

Nach den Kräuterhort gehts weiter, “on the West you see Gaza and to the South you see Egypt.” Eine Ecke des Landes, den selbst die Israelis unserer Gruppe noch nie besucht hatten. Angeblich kann man die Grenze zwischen Ägypten und Israel selbst vom Weltall aus sehen. Und das alles nur wegen einer schwarzen Ziege, deren Verbreitung Israel gesetzlich beschränkt hat. Diese Ziege frisst eine weit verbreitete Pflanze mitsamt den Wurzeln. Und was da nicht mehr nachwächst, verwandelt die Landschaft, farblich, vom Mond her.

 

Salaam Shalom

Vor dem Sonnenuntergang treffen wir auf einem weiteren Gutsbetrieb ein. Einer mit Kamelen, “the ship of the desert”, ich verstehe, “the sheep of the desert”, aber beide Varianten geben nicht viel her. Kamele sind doch unvergleichlich! Ihre Gestalt, die weder edel noch lächerlich erscheint, ihre röchelnd sonoren Stimmen, ihr geschickter Passgang, ihre schauderhaft verkrüppelten Zähne und die Augen, diese dunklen Wunderkugeln, Wüstenhorizont im Spiegel. Sie heissen Ralliah, Amira, und das Männchen Suleiman. Friedenstifter: Ein grosser Name, selbst für ein weisses Kamel!

 

Salaam
Shalom,

 

Suleiman
Salomon.

 

Funkeln

Der Strasse entlang bis tief in die Wüste liegt überall Abfall. Nicht in Haufen, sondern wie mit Absicht gleichmässig verteilt. Plastiksäcke, Autoreifen und leere Flaschen. Die Abendsonne taucht all den Plastik in ein fast spirituelles Glitzermeer. Der Sternenhimmel folgt darauf. Und

 

 

Et puis

Zrugg in Züri sitze ich im Tram,
drei Sitze hinter einer ein dick verpackten Frau mit weher Stimme:

 

“In my world… in my world… You stole me!”

 

Wie hat sie wohl hierher gefunden?

 

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