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Das Mädchen hatte sich verlaufen. Kann man das eigentlich in einer Stadt? Im Märchen verlaufen sich kleine Mädchen doch immer im dunkeln Wald. Zoë war aber mitten in der hellen Stadt. Die Stadt leuchtete in allen Farben. Überall funkelten die Lämpchen an den Bäumen und Häusern. Die Fenster, vor allem die Schaufenster warfen einladendes Licht auf die Strassen. Glaskugeln, Kristalle und ganz fein flackernde Kerzen verscheuchten die junge schwarze Nacht. Zoë war ganz verzaubert vom Anblick der weihnachtlichen Strasse. Besonders gefiel ihr, wie all diese Lichter die ganze Umgebung bemalten. Häuser, Bäume, ja sogar Leute waren in die verschiedensten Farben getaucht. Blaue Gesichter, rote Wände, grüne Hunde: Alles in allen Farben, je nach dem Licht, das sie gerade beschien.

Da stand vor einem Laden ein Nikolaus aus Plastik, zweimal so gross wie Zoë und mindestens dreimal so dick! Er sah ziemlich doof aus. Man hatte nicht mal seine Augen angemalt und unter der weissen Farbe des Bartes sah man die rosa Grundfarbe des Plastik. „Wie komisch“, dachte Zoë sich, „dieser Nikolaus hat ja einen rosaroten Bart, den man weiss bemalt hat. Waren die wirklich zu faul, einen weissen Bart zu machen? Dann hätten sie sich die Farbe sparen können.“ Der Nikolaus tat ihr leid.

Auch die Lämpchen der Lichterkette, welche lieblos in einen durchsichtigen Gartenschlauch gezwängt waren, taten ihr leid. Sie war den Lämpchen sehr dankbar, dass jene trotzdem fröhlich und stolz für sie leuchteten, als wären sie von jemandem mit viel Liebe und Sorgfalt in ein zierliches Band aus goldener Seide verwirkt worden wären. Und zwar echtes Gold!

Zoë schlenderte munter die Strasse auf und ab, genoss den Geruch von Zimt, Backwaren und gerösteten Kastanien. Sie träumte davon, dieses und jenes, das sie im Schaufenster erblickte, bald unter dem Weihnachtsbaum vorzufinden. Auch die Musik der Heilsarmee gefiel ihr. Ihr Vater hatte ihr erzählt, die Heilsarmee sei ganz ungefährlich. Die hätten keine Gewehre und Granaten. Die hätten nur früher in ihrem Leben irgendwelche Dummheiten gemacht und sich dann entschlossen, damit aufzuhören und stattdessen schöne Lieder zu singen und armen Leuten zu helfen.

Zoë betrachtete die einzelnen Soldaten dieser ungewöhnlichen Armee und dachte sich zu jedem eine Dummheit aus. Die dünne Frau mit der runden, drahtenen Brille und dem eingefallenen Gesicht war sicher früher mal eine Lehrerin gewesen, die die Kinder immer mit viel zu viel Hausaufgaben geplagt hatte. Und der kugelrunde Mann mit dem Schnauzbart war sicher mal ein Bäcker gewesen, der immer zu geizig war, um den Kindern auch mal von all seinen guten Sachen etwas zu schenken. Und der mit dem aus der Uniformjacke hinausquellenden Pulli (mit Reissverschluss), der hat sicher am meisten Dummheiten gemacht. Das könnte der gewesen sein, der Adam das Velo wegnehmen wollte, obwohl Adam ihn ja gar nicht extra damit angefahren und sich auch noch tausendmal entschuldigt hatte. Tausendmal, ganz ehrlich!

Und immer wieder diese Lichter, die die Umgebung verwandelten. Der dicke, schlecht bemalte Nikolaus etwa warf lustige rote und weisse Flecken auf die nasse, schwarze Strasse. Und eine Kette von Lämpchen spiegelte sich in einem Schaufenster, das eine leckere Auswahl verschiedener Nüsse, Mandarinen und Orangen in grossen Körben präsentierte. Wenn man nun reinschaute, schienen all die Früchte und Nüsse mit glitzrigem Dunst bestäubt. Zauberfrüchte, die einem glücklich und geliebt machen – für immer und ewig, oder, noch besser, die einem fliegen lernen! Wie sähe diese Weihnachtsstrasse wohl aus der Luft aus? Also den dicken Nikolaus könnte man sicher von weit oben noch sehen. Von dort oben betrachtet wäre er sicher weniger hässlich. Das wäre ihm zu gönnen.

Doch da fiel es Zoë plötzlich wieder ein: Sie hatte sich verlaufen. Nun, es war noch nicht so viel Zeit verstrichen, dachte sie, dass man schon verzweifelt nach ihr suchen würde. Aber was tun? Da kam ihr plötzlich eine Idee. Die Zauberfrüchte! Sie eilte zurück zum Laden, vor dem sich inzwischen das Heilsarmeetrüppchen aufgestellt hatte. Dort angelangt – o Schreck! – pflanzte sich der kugelrunde Soldat mit Schnauz vor ihr auf. Ach herrjeh! Hatte er vielleicht herausgefunden, dass sie wusste, welche Dummheiten er früher begangen hatte? Würde er sie nun mitnehmen und auch in eine Uniform stecken, weil sie ja auch schon manche Dummheit begangen hatte? Zoë wollte nur noch heim. Doch der kugelrunde Mann lächelte sie freundlich an und reichte ihr eine funkelnde Orange. Also doch! Eine Zauberfrucht!  Der Mann schälte die Orange behutsam und gab Zoë davon zu essen. Kaum hatte Zoë die Orange runtergeschluckt, spürte sie eine wohlige, wärmende Leichtigkeit langsam durch ihren Körper strömen bis in die Zehen- und Fingerspitzen. Der Kugelrunde lachte wie der Nikolaus in den Filmen, die Zoë gesehen hatte (Ho-ho-ho!), und hob sie vom Boden behutsam in die Luft.

Statt wieder am Boden zu landen flog Zoë weiter, weiter und weiter. Der Nikolaus war tatsächlich weniger hässlich von da oben. Sie flog hoch über die Stadt, über die Wolken hinaus immer höher und höher, bis sie allein mit den Sternen war. Einer der Sterne funkelte ganz besonders schön. Er trug einen Schweif hinter sich her. Zu dem flog sie hin. Nach einer netten, kurzen Unterhaltung mit dem Stern über Dummheiten, Funkelnde Strassen und Süssigkeiten zeigte ihr der Stern den Weg nach Hause. Darum, meine Lieben, lasst es funkeln und glitzern!

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