Moderner Berner

Zum z’Morge gits Sushi
Zum z’Mittag Salbey

U z’Abig ir Duschi
Bisch meyschtens alley.

Ode here

Love, Being, and Death:

I’m dizzied by such laden words.

My home is built on lowly stones.
Mere songs, mere feathers, and mere flavors.
The holy rhythm of Her toes.
The fading breath of fear,
Red-legged spider.
The scent of youth,
a whiff of quince.
From fingernail blown off
a pin-tip sizèd
yellow baby bug.
Nearby merest
Behemoths of meaning.

De Kaiser vo de Glacé (Wallace Stevens)

Ice-cream

 

De Kaiser vo de Glacé

Jetzt bruuchts dä Maa, wo dicki Schtümpe rollt,
de Muskelfritz, är sell etz i de Chuchischüssle
versaute Quark verrüehre.
Und d’Hüerli selid, wenn sie umefüdled,
die gwohnte Schlüttli trääge.
D’Buebe selid Blüemli bringe,
I alti Ziitig inegwickled.
Am Schluss sell sii was schinbar xi isch.

De wahri Kaiser isch de Kaiser vo de Glacé!

Vom Abschlussbuffet wo drü Glas-chnöpf fääled
bringsch mer no s’Schpitzetüechli,
das mit de Tüübli druff,
das wo sie gstickt hed, siinerziit.
Das leid mer ihre de ufs Gsicht.
Und wenn de d’Zeeche gruusig fürelueged,
de gsehmer de, wie chalt sie isch, und dumm.
Und chläbe sell s’Liecht a de Lampe.
De wahri Kaiser isch de Kaiser vo de Glacé!
The Emperor of Ice-cream
 
Call the roller of big cigars,
The muscular one, and bid him whip
In kitchen cups concupiscent curds.
Let the wenches dawdle in such dress
As they are used to wear, and let the boys
Bring flowers in last month’s newspapers.
Let be be finale of seem.
The only emperor is the emperor of ice-cream.
 
Take from the dresser of deal,
Lacking the three glass knobs, that sheet
On which she embroidered fantails once
And spread it so as to cover her face.
If her horny feet protrude, they come
To show how cold she is, and dumb.
Let the lamp affix its beam.
The only emperor is the emperor of ice-cream.

Air Love

By leaving you
I drove a hole
in your fountain.

My x-ray shows
a black field
hovering over my lung

Neither soot nor smoke
the doctor sais,
but air.

To fill
my love,
that rubber dinghy.

Milchglas

Milchglas

“Hier links”, sagt meine Mutter, “da steht PFLEGEHEIM”. Ich biege ab. Der Rest des Strassenschildes offenbart sich nun: “Murhof”. Passt eigentlich ganz gut für eine geschlossene Anstalt. Aber kein Kloster weit und breit. Wir wenden den Wagen und kehren zurück auf die Landstrasse. Ein paar hundert Meter weiter erscheint ein weiteres Angebot, rechts abzubiegen. Auf dem Schild steht diesmal “Art St. Urban”. Passt vielleicht noch besser. Und tatsächlich: Hinter mächtigen Eichen und lieblichen Linden ragen die zwei rot bedachten Kirchtürme hervor. Hier lang muss es gehen, allein schon wegen des Namens. Und wir haben recht. Schon folgen die ersten Schilder, die in diesem weiten Areal ein wenig Orientierung versprechen. Wir entscheiden uns, statt den Schildern einen Mann mit signalfarbener Weste zu befragen. Wir halten den Wagen und lassen die Scheiben runter. Der Mann macht keine Anstalten, sich auf uns zuzubewegen. Stattdessen glotzt er uns an mit gläsern kalten Augen. Wir fragen ihn nach der Notaufnahme. Er bellt: “Hä?” Wir wiederholen die Frage. Nun sagt er “Gebäude C, ganz neu, gelb, ganz hinten.” Wir danken und fahren weiter. Dante hätte an diesem furchterregenden Mann Inspiration für einen grandiosen Höllenwärter gefunden. Die linke Hälfte seines Gesichts sah aus, als hätte ihn eine wütende Bärenmutter tief ins Gesicht gebissen und dann mit scharfen Krallen nachgeholfen. Der linke Unterarm des Armen zur Kinderhand zerfressen. So sind wir bestens eingestimmt.

Im C Block angekommen, drücke ich vor dem Eingang die Zigarette aus, “voi ch’entrate” im Hinterkopf. Der Ort hat keine Reception. Irgendwie heimelig. Meine Mutter erinnert sich nun wieder an den Weg. Wir marschieren rasch links den Gang runter. Ein Pfleger öffnet uns die schwere Milchglastüre. Wir treten ein. Ein halbwegs grosszügiger Gesellschaftsraum mit ein paar spärlich besetzten Tischen. Dort sitzen die verschiedensten Gestalten. Patienten und Angehörige lassen sich gar nicht so einfach ausmachen. Dies im Gegensatz zum rundlichen, hell bekleideten, zuvorkommenden Pflegepersonal. Wir ziehen an der geruchlosen Kaffemaschine vorbei, biegen rechts in einen Gang mit Flachbildschirmfernseher. Es läuft ein Tierfilm mit einer Ameise, die langsam und gemütlich irgendetwas frisst. Vor dem Bildschirm liegt der erste eindeutige Patient. In einem Sofastuhl ersoffen, seine dünnen Beine leblos über ein Tischchen drapiert. Sein fehlender Hals kompensiert durch einen umso grösseren, unförmigen Schädel. Noch eine Ecke und dann endlich das “Sicherheitszimmer”, wohin sie ihn letze Nacht hastig verfrachtet haben. Er sitzt an einem Tisch und schreibt etwas in einen schwarzen Notizblock. Er schreibt weiter, als wir das Zimmer betreten. Unser Vater am Schreiben! Ein inzwischen traurig ungewohnter Anblick. Meine Mutter legt die Hand auf seine Schulter. Ohne aufzublicken sagt er “Gut, dass ihr kommt. Aber Scheisse, leider müsst ihr nochmals nach Hause. Ich habe hier alle Sachen aufgeschrieben, die vergessen wurden.” Geduldig gehen wir die Liste durch. Wir haben alles mitgenommen. Alles, von der Brieftasche bis zu anständigen Hosen. Er dreht sich nun um: “Nun will ich Euch von gestern erzählen. Das war vielleicht der schlimmste Tag in meinem Leben!” Wir hören gespannt zu. Vater ist ein packender Erzähler. Aber noch wichtiger: Vater hat seit Ewigkeiten nicht mehr eine längere, zusammenhängende Geschichte erzählt.

Er schildert nun mit vertraut dramaturgischer Perfektion die Ereignisse. “Plötzlich kam jemand in mein Zimmer und entfernte stumm und ruppig das Namensschild von meinem Bett. Stellt Euch vor, diese Symbolik! Mein Name einfach weg! Als nächstes reisst man mir das Tablett mit der Suppe vom Tischchen weg.  Etwa sieben Leute packen mich und führen mich richtiggehend ab zu einem roten Wagen. Ich versuche auf die Leute einzureden. Mache sie darauf aufmerksam, dass sie zu seiner Überführung in ein anderes Spital eine schrifliche Weisung benötigen, und zwar eine rekursfähige, die man auch an weitere Instanzen weiterziehen könne. Mein Hinweis auf meine langjährige Erfahrung als Verwaltungsrichter nehmen sie hin wie imprägniert. Stattdessen behandeln sie mich wie einen Idioten. Sie sagen: “Schon gut, Herr Reinhard, alles wird gut, alles bestens.” Dann schnallen sie mich mit dicken Lederriemen auf eine Pritsche, die sie anschliessend grob in den Krankenwagen stossen. Die Scheiben sind bis auf den obersten Abschnitt mit Milchglasfolie abgedeckt. So seh ich sie zum letzten Mal:

Das Stanserhorn!
Das Buochserhorn!
Meinen geliebten Pilatus!
Hergiswil, meine Heimat!

Sie reissen mich hier einfach heraus! Zerren mich weg an diesen alten Ort der Schande, den jedes Kind der Gegend kennt! Ich lasse alle Hoffnung fahren. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich an Suizid. Zum ersten Mal in meinem Leben! Und all die Weiber rund um mich herum. Es bricht mir das Herz, aber ich muss sie so nennen. Blöde Weiber, die ständig routiniert und teilnahmslos “Ja, ja Herr Reinhard, das ist schon gut, bald sind wir dort, man wird dort gut für sie sorgen.” Erstickend fürsorgliche Kacke! Endlich angekommen führen sie mich in mein Zimmer, nein, eine Zelle ist das. Milchglasfolie bis fast ganz oben! Und schaut mal diese Chromstahlschissi! Draussen schwarze Nacht.

Und da geschah’s.

Ein netter Pfleger spricht mich an: “Herr Reinhard, darf ich sie “Herr” nennen?” Und da, endlich! meldet sie sich zurück: Die innere Kraft, schon längst verloren geglaubt, und ich herrsche den armen Ahnungslosen an: “Und ob sie mich “Herr” nennen werden! Ich war Major in der Gebirgsinfanterie, erfolgreicher Architekt, Parteipräsident, Verwaltungsrichter. Vater von fünf Kindern! Und Ihr behandelt mich wie einen Sträfling!” Etwas löste sich in mir, und ich versank zum ersten Mal in tiefen Schlaf. Am Morgen bereitete mir ein von grundauf sympathischer Pfleger ein Bad wie in einem Fünfsternhotel. Er liebte meine faulen Sprüche. Wir mussten so viel lachen.”

Plötzlich betritt ein Patient das Zimmer. Ohne sich gross vorzustellen beginnt er von seinem Leben zu erzählen. Seinen Vornamen hat er von einem berühmten amerikanischen Sänger. Er spielte in jungen Jahren leidenschaftlich Fussball und später wechselte er auf Skifahren. Dreimal sei er das Lauberhorn gefahren. Die unheimlichste Strecke auf der Welt! Er hebt beide Hosenbeine und zeigt mit Stolz die stattlichen Narben an seinen Beinen. “Meine Knie habe ich am Berg zerschunden.” Mein Vater steht auf, hebt das Kinn, nimmt stramme Haltung an und sagt: “Dreimal Lauberhorn!”, salutiert mit einem militärischen Gruss. Sein Gegenüber erhebt sich ebenfalls vom Bett und erwidert den Gruss. Eine Pflegerin fragt nach, ob er nun das Essen serviert bekommen möchte. Mein Vater bittet darum, im Gemeinschaftsraum zu essen. Seinen Kameraden nehmen wir gleich mit. Kaum zu Tisch beginnt mein Vater zwei Balladen zu zitieren, beide mit weit über zehn Strophen. Fehlerfrei und ohne Unterbruch. Morgensterne, Schwabenstreiche, edle Ritter, noble Krieger, Schlachtgemälde seiner Jugend. Augenbrauen heben sich und Leichtmut streift sanft über manch düsteres Gesicht. Manche gesellen sich zu unserem Tisch. Nach dem kleinen Vortrag herrscht wieder Stille, bis eine Alte in einem Rollstuhl sagt: “Ich wott go ligge.” Ich gehe zur Station gleich nebenan, um ihr Bedürfnis anzumelden. Sogleich öffnet sich die Türe und ein stämmiger Pfleger tritt hervor und streckt mir die Hand zum Gruss entgegen. Ich frage ihn, welches Zaubermittel er meinem Vater verabreicht habe. Er sei wie ein umgekehrter Häntschen. Der Pfleger meint trocken: “Empathie”. Ich frage ihn, ob er sich bewusst sei, dass er den selben Namen wie einer der grössten amerikanischen Bundesrichter trage. Wir unterhalten uns über meinen Vater, der sich sogleich zu uns dazugesellt und eine amüsante Jugendepisode zum besten gibt. Der Pfleger fragt ihn: Herr Reinhard, in welchem Jahr sind sie geboren? Er erwidert wie aus der Pistole:  “1932”! Und das Datum, wissen Sie das auch noch? Er erwidert: “11. Februar”, und lächelt verschmitzt, “junger Mann, Sie müssen mir schon raffiniertere Testfragen stellen.”

Am Nachmittag machen wir uns auf zur neu renovierten Klosterkirche. Schon auf dem Weg dorthin unterhalten wir uns angeregt über die Gebäude und Skulpturen in der grossen Gartenanlage. Vater referiert in vertrauter Manier über die Geschichte der Säkularisierung des Klosters im Jahre 1843, datiert das Alter des einen oder anderen Anbaus, freut sich über den Boden vor der Kirche: “Den nennt man in der Fachsprache “Katzenkopfstein”. Danach diskutieren wir die Heiligenstatuen am Eingang und fachsimpeln über deren Attribute. Wir betreten die Kirche, schlendern weihevoll bewundernd durchs Mittelschiff, bestaunen das Chorgitter. Ich weise ihn darauf hin, dass ausser dem roten Marmor, der die Eingangspforte umrahmt alles in weiss gehalten ist. Er meint: “Das ist auch richtig so. Erfüllt vom Rot begleitet, geht man wieder hinaus.” Anschliessend studieren wir das grandiose Chorgestühl. Zurück im Mittelschiff, breitet mein Vater die Arme aus, hebt die Augen nach oben, atmet tief ein, den Augenblick lobend. Die Scheiben hier sind milchglasfrei.

 

Schlussbemerkung: Dieser Text ist meinem Vater gewidmet, seinem unbändigen Lebenswillen und seinen Sinn für das Wahre und das Schöne. Ich danke für sorgsamen Umgang damit.

Allen, die sich in den vergangenen Monaten in ihrer eigenen Art und Form um das Wohlergehen unseres Vaters gekümmert haben ein herzliches vergelts Gott!